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29
Mai

Die Grünen werben für die zweite Gesamtschule

In den vergangenen Wochen wurde die Schulpolitik der Grünen, Linken und SPD in Wesel von verschiedenen Seiten massiv kritisiert. Im Grunde geht es immer noch um den alten Streit zwischen dreigliedrigen und integrierenden Schulsystemen. Die ethische und pädagogische Argumentation hat sich in den vergangenen 50 Jahren kaum geändert. Aber heute haben wir durch zahlreiche Studien zur Inklusion, Pisa und Hattie deutlich bessere wissenschaftliche Belege.

Für uns Grünen sind die höchsten Werte die unantastbare Würde des Menschen aus der Erklärung der Menschenrechte und das Recht auf Gleichbehandlung in allen stattlichen Einrichtungen aus der deutschen Verfassung. Wer religiös argumentiert würde auch noch die christliche Nächstenliebe anführen, die doch nichts Anderes fordert, als dass die Starken den Schwachen helfen sollen. In der pädagogischen Diskussion werden diese Ideen am besten durch die beiden Leitsätze „Kein Kind zurücklassen!“ und „Kein Kind darf beschämt werden!“ verdeutlicht.

Im dreigliedrigen Schulsystem beginnt das „Beschämen“ schon in der Grundschule, wenn Kindern „nur“ die Eignung für die Schulform Hauptschule zugesprochen wird. Jährlich bleiben fast zwei Prozent aller Schüler sitzen. Im Laufe von 12 bis 13 Schuljahren trifft das fast jeden Fünften, viele davon mehrmals. Abgeschult, also in eine niedrigere Schulform überwiesen, werden jährlich ca. 50.000 Schüler*innen. Die umfassendsten empirischen Studien zur Wirksamkeit schulischer Maßnahmen des neuseeländischen Bildungsforschers Prof. John Hattie bescheinigen dem Sitzenbleiben und dem Schulwechsel neben zu viel Fernsehen die stärksten Negativeffekte auf dem Lernfortschritt der Betroffenen.

In kaum einem Land der Welt ist der durch das Bildungssystem bedingte Nachteil von Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen und Bildungsgrad stärker als in Deutschland und Österreich mit ihren selektiven Schulsystemen. Interessanterweise hat sich besonders dieser Wert bei den PISA-Studien in den vergangenen zehn Jahren stark verbessert. Prof. Andreas Schleicher, der Organisator der PISA-Studie in Deutschland, führt das vor allem auf den Ausbau der Ganztagsschulen und auf die Halbierung der Anzahl an Hauptschülern*innen, die verstärkt an Sekundar- und Gesamtschulen gemeinsam mit lernstärkeren Schüler*innen unterrichtet werden, zurück.

Wenn das dreigliedrige Schulsystem so vielen Kindern eine so massive Beschämung zumutet, die ihr Selbstwertgefühl und ihre sozialen Bindungen dermaßen negativ beeinträchtigen, dann müsste doch auf der anderen Seite ein überzeugender Vorteil nachweisbar sein.

Die Befürworter des dreigliedrigen Systems argumentieren in der Regel mit ökonomischen Sachzwängen. Eine dermaßen im globalen Wettbewerb stehende Volkswirtschaft, wie die Deutsche, müsse die bestmögliche Bildung der nachwachsenden Generation sicherstellen. Nur selektive, leistungsorientierte Schulen, vor allem Gymnasien und Realschulen könnten das leisten. Die langsameren und weniger begabten Schüler*innen würden Lerntempo und Effizienz behindern. Außerdem könnten diese „begabungsgerecht“ besser an Hauptschulen unterrichtet werden.

Dafür, dass die Starken gebremst werden, gibt es bisher noch keine nachvollziehbaren empirischen Beweise. Durch zahlreiche wissenschaftliche Studien eindeutig belegt ist der Effekt, dass schwache Schüler*innen gemeinsam mit starken wesentlich besser lernen. Hohe Leistungen und soziale Integration müssen kein Gegensatz sein. Es gibt weltweit zahlreiche inklusive Schulsysteme, die sowohl höhere Leistungen auf allen Stufen erreichen, als auch den Leistungsabstand zwischen den Schüler*innen deutlich kleiner halten.

Viele dieser Argumente kennen auch die 240 Eltern, die ihre Kinder an der Gesamtschule in Wesel angemeldet haben. Im Jahr 2015 haben nur 13 Elternpaare für ihr Kind die Hauptschule gewählt. In den drei Schuljahren, bevor die Gesamtschule achtzügig wurde, mussten 50, 70 oder 90 Schüler*innen abgelehnt werden. Erst durch die Achtzügigkeit konnten in den letzten beiden Schuljahren alle Schüler*innen die Schule ihrer Wahl besuchen.

Wer heute für die Wiedereinführung der Hauptschule wirbt, hat vermutlich in den letzten zehn Jahren keine Hauptschule erlebt, kennt das Gefühl aussortiert zu werden nicht und würde sein Kind selbst nicht auf eine Hauptschule schicken. Selbst wenn eine Mehrheit aus Gymnasial- und Realschuleltern per Bürgerentscheid eine Hauptschule in Wesel erzwingen würde, oder wenn die Bezirks-, Landes- oder Bundesregierung Wesel anweisen würde eine einzurichten, mit welchen Argumenten überzeugen sie die Eltern, ihre Kinder dort anzumelden? In Wesel gibt es keinen Elternwillen zur Hauptschule, der stark genug wäre, diese bestehen zu lassen.

Das Problem der überzähligen Klasse wäre sofort vom Tisch, wenn die Realschule Nord ihre im Schulgesetz vorgesehene und vom Stadtrat beschlossene Option, einen Bildungsgang Hauptschule einzurichten, nachkommen würde. Seit mehr als 30 Jahren werden alle Sekundarstufen-I-Lehrer für die Haupt-, Real- und Gesamtschule ausgebildet. Seit 2016 auch für die Sekundarschule. Es gibt höchstens noch eine Handvoll Realschullehrer, die behaupten können, für Hauptschüler nicht ausgebildet zu sein. An mindestens sechs Realschulen in NRW funktioniert das Prinzip bereits. Wenn die Schüler*innen mit Hauptschulempfehlung an der Realschule leiden, liegt das am Unwillen der Schulleitung und der Kollegen, angemessene pädagogische Konzepte zu entwickeln und umzusetzen. Wenn eine Schule ihrer gesellschaftlichen Aufgabe, starke und schwache Schüler*innen gleichermaßen zu fördern, nicht nachkommen kann, sollte sie aufgelöst werden.

Die Realschule hat als „Kompromiss“ vorgeschlagen, der Gesamtschule einfach 30 gute Schüler*innen mit Realschulempfehlung abzunehmen. Das würde natürlich das Weltbild der Realschule: „Wir sind etwas Besseres!“ stützen. Für eine Gesamtschule mit dem Anspruch der Vielfältigkeit und der Repräsentation aller gesellschaftlichen Gruppen und Leistungsniveaus wäre das jedoch fatal. Auch die beste Gesamtschule kann Inklusion nur leisten, wenn ihre Schülerschaft ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellt. Gesamtschulen dürfen genau so wenig als Reparaturbetrieb aller gesellschaftlichen Probleme benutzt werden, wie das früher der Hauptschule aufgebürdet wurde. Daran ist die Hauptschule letztlich gescheitert.

Wir Grünen sind überzeugt, dass die Schulentwicklung in Wesel auf dem richtigen Weg ist. Wir sind überzeugt, dass gute Schulen sowohl alle Schüler individuell zu guten Leistungen bringen und gesellschaftlich bedingte Ungleichheiten verringern können. Deshalb werben wir weiter dafür, dass möglichst viele Eltern ihre Kinder an Gesamtschulen anmelden können.

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